Die Pronaturierung verfolgt einen systemischen Ansatz der Ökosystemförderung mit dem Ziel, Ökosysteme in ihrer Fähigkeit zur Anpassung, Selbstorganisation und Weiterentwicklung zu stärken.

Pronaturierungsprojekt Moselschleife

Ausgangslage und Standort

Das Pronaturierungsprojekt „Moselschleife“ befindet sich im Landkreis Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz und umfasst rund 285 Hektar Kommunalwald der Ortsgemeinden Briedel und Alf in der Verbandsgemeinde Zell an der Mosel. Die Projektflächen liegen in unmittelbarer Nähe der markanten Moselschleife und sind Teil einer charakteristischen Mittelgebirgslandschaft, die von bewaldeten Hängen, Weinbergen und kleinräumigen Kulturlandschaften geprägt ist.

Der Wald besteht überwiegend aus naturnahen Laubmischbeständen mit unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstadien. Gleichzeitig zeigen sich – wie in vielen Waldgebieten Mitteleuropas – deutliche Auswirkungen der Klimakrise. Wiederholte Hitzeperioden, längere Trockenphasen und Extremwetterereignisse haben in den vergangenen Jahren zu zunehmendem Stress für die Waldbestände geführt. In vielen Regionen Deutschlands äußert sich dies in Vitalitätsverlusten, erhöhter Baumsterblichkeit, gestörten Bodenprozessen und veränderten hydrologischen Bedingungen.

Auch im Projektgebiet sind diese Entwicklungen sichtbar. Die Landschaft wirkt zwar auf den ersten Blick stabil und grün, doch die ökologischen Prozesse im Hintergrund zeigen zunehmende Belastungen. Gerade in solchen Übergangssituationen entscheidet sich, ob Wälder langfristig resilient bleiben oder in degradierte Zustände übergehen.

Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt „Pronaturierung Moselschleife“ initiiert. Ziel ist es, den betroffenen Waldflächen Raum für eine langfristige ökologische Regeneration zu geben und gleichzeitig wissenschaftlich zu untersuchen, wie sich die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen unter den Bedingungen des rasch fortschreitenden Klimawandels entwickeln lässt.

Grundidee des Projektes

Wissenschaftlicher Ansatz der Pronaturierung

Das Projekt basiert auf dem wissenschaftlichen Konzept der Pronaturierung, das vom ECONICS Institute e.V. entwickelt wurde. Der Begriff „Pronaturierung“ beschreibt eine Weiterentwicklung klassischer Renaturierungsansätze. Während viele Renaturierungsmaßnahmen versuchen, einen vermeintlich ursprünglichen Zustand von Ökosystemen wiederherzustellen, berücksichtigt die Pronaturierung, dass sich Umweltbedingungen durch den Klimawandel dauerhaft verändern. Eine Rückkehr zu historischen Referenzzuständen ist daher häufig weder möglich noch sinnvoll.

Stattdessen verfolgt die Pronaturierung das Ziel, Ökosysteme in ihrer Fähigkeit zur Anpassung, Selbstorganisation und Weiterentwicklung zu stärken. Der Ansatz basiert auf zentralen Erkenntnissen der Systemökologie und Thermodynamik komplexer Systeme. Ökosysteme werden hierbei als offene Systeme verstanden, die Energie, Stoffe und Informationen aufnehmen, transformieren und in Form biologischer Arbeit wieder freisetzen. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die Öko-Exergie, also die Arbeitskapazität eines Ökosystems. Diese beschreibt die Fähigkeit eines Systems, Energie in strukturierte biologische Prozesse umzusetzen und damit ökologische Funktionen aufrechtzuerhalten.

Die Höhe dieser Arbeitskapazität hängt insbesondere von drei Faktoren ab:

  • Biomasse: Die Menge lebender und abgestorbener organischer Substanz bildet die energetische Grundlage ökologischer Prozesse.
  • Information: Die genetische und funktionale Vielfalt von Arten erhöht die Anpassungsfähigkeit des Systems.
  • Netzwerke: Die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen Organismen, Böden, Wasser und Atmosphäre stabilisiert ökologische Prozesse.

Ökosysteme mit hoher Biomasse, großer Biodiversität und komplexen Interaktionsnetzwerken verfügen über eine höhere Arbeitskapazität und sind daher resilienter gegenüber Umweltveränderungen. Pronaturierung bedeutet daher, diese drei Faktoren gezielt zu stärken.

Wissenschaftliche Begleitung und Monitoring

Impact-Logik des Pronaturierungsansatzes (Theory of Change)

Die Wirkung des Pronaturierungsprojektes „Moselschleife“ basiert auf einer systemökologischen Wirkungslogik. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Funktionsfähigkeit eines Ökosystems wesentlich von seiner ökologischen Arbeitskapazität (Eco-Exergie) abhängt. Diese wird maßgeblich durch Biomasse, biologische Vielfalt sowie die Komplexität der Wechselwirkungen innerhalb eines Ökosystems bestimmt.

Viele Wälder in Mitteleuropa haben durch intensive Nutzung sowie durch zunehmende klimatische Belastungen an Stabilität verloren. Trockenperioden, Hitzewellen und andere Extremereignisse führen zu Vitalitätsverlusten, erhöhter Baumsterblichkeit und einer Schwächung zentraler ökologischer Prozesse. Dadurch sinkt die Fähigkeit der Ökosysteme, klimatische Extremereignisse abzufedern, Wasser zu speichern oder langfristig stabile ökologische Funktionen aufrechtzuerhalten. Das Pronaturierungsprojekt setzt an diesen Entwicklungen an, indem die Rahmenbedingungen für eine natürliche Weiterentwicklung des Ökosystems verbessert werden. Dazu gehören insbesondere die Einstellung der kommerziellen Holznutzung, der Verbleib organischer Biomasse im Wald sowie das Zulassen natürlicher Sukzessionsprozesse. Dadurch erhält das Ökosystem Zeit und Raum, sich unter den veränderten Umweltbedingungen eigenständig weiterzuentwickeln.

Die weitere Entwicklung des Waldes wird dabei bewusst ergebnisoffen gehalten und nicht durch starre Zielzustände vorgegeben. Erwartet wird jedoch, dass sich im Laufe der Zeit strukturreichere, biomassereichere und funktional komplexere Waldökosysteme entwickeln. Solche Systeme verfügen in der Regel über stabilere ökologische Netzwerke, eine größere Vielfalt an Anpassungsstrategien und damit über eine höhere Fähigkeit, auf Störungen oder klimatische Veränderungen zu reagieren. Langfristig kann diese Entwicklung dazu beitragen, die Resilienz der Landschaft gegenüber Klimawandel, Trockenperioden und Extremereignissen zu erhöhen. Komplexere und biologisch vielfältigere Ökosysteme sind besser in der Lage, Wasser zu speichern, lokale Mikroklimata zu regulieren und ihre ökologischen Funktionen auch unter veränderten Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes dient daher insbesondere dazu, diese Entwicklungen systematisch zu beobachten und zu analysieren. Mithilfe von Fernerkundungsdaten und ergänzenden Messungen können Veränderungen der Vegetationsvitalität, mikroklimatischen Wirkungen und weiterer ökologischer Funktionen über die Projektlaufzeit hinweg nachvollzogen werden. Auf diese Weise soll besser verstanden werden, wie sich Wälder unter den Bedingungen des Klimawandels entwickeln und welchen Beitrag Pronaturierungsansätze zur Stabilisierung und Zukunftsfähigkeit von Landschaften leisten können.

Ziel ist es, den Pronaturierungsansatz auf weitere geeignete Flächen in Deutschland zu übertragen. Eine Beteiligung von Unternehmen ist ab einer Projektgröße von mindestens 2 Hektar möglich.

Sprechen Sie uns gern an, wenn Sie eine konkrete Fläche einbringen oder ein Pronaturierungsprojekt in Ihrer Region starten möchten!